Pädagogische Tätigkeit

Teil 1: Gewinnung von Talenten

An allen europäischen Hochschulen ist es sehr schwer geworden, talentierte Kandidaten fürs Studium zu finden.
Um die besten wird gerungen.
Die Situation in Deutschland ist vergleichbar schwierig geworden, zur der in Polen.
Woran liegt das?
Bei den Europaweit, angeglichenen und verkürzten Schulsystem,werden die Schüler oft in den weiterführenden Schulen mit der Menge des Lernmaterials überfordert und haben keine Kraft mehr abends zusätzlich noch ordentlich zu üben oder in die nächste größere Stadt zu fahren um Musikunterricht zu nehmen.

Dafür verantwortlich aus meiner Sicht sind auch die Medien, die eine utopische Botschaft senden
- alles muss Spaß machen.
- Wir sollen möglichst schnell, möglichst ohne Kraftaufwand eine schnelle Kariere machen...

Immer weniger dieser jungen Leute haben die nötige Strebenskraft,
aber die gibt es noch!

Wie findet man also jene, die Talent haben und für ein Gesangstudium geeignet sind?!

Die Reputation des Lehrers ist entscheidend!

Die Facebook Generation tauscht schneller Informationen untereinander aus, als es uns manchmal Lieb ist!

Es sei, die Informationen sind gut und betreffen uns....

Um die nötige Aufmerksamkeit zu bekommen, erfordert es aber gewisse Präsenz und sehr viel eigene Energie. Derzeit arbeite ich an mehreren Hochschulen und gebe jedes Jahr mehrere Gesangskurse um viele Schüler und Studenten kennenzulernen, sie zu vergleichen und den Anspruch an mich selbst und den an meine Schüler zu kontrollieren. Die Fokussierung auf einen Standort wie Hannover wird meine Zielsetzung sehr erleichtern . Vergangenes Jahr gab ich zum dritten Mal einen Meisterkurs und betreute die Operngala an der Hochschule für Musik in Bromberg/ Bydgoszcz in Rahmen des internationalen Forums der jungen Opernsänger. Das ist jedes mal für mich eine große Chance, den besten jungen Sängern aus der ganzen Welt zu begegnen, mit ihnen zu arbeiten, und dadurch auch die besten Studenten für ein Aufbaustudium oder für die Soloklasse in Hannover zu gewinnen.

In der letzten Woche habe ich einen Meisterkurs im Bialystok-Opernhaus für die dortigen jungen Solisten gegeben und sehr viele interessante Leute aus der Ukraine und Weißrussland kennengelernt. Viele haben meine Erzählungen über die tollen Studienangebote unserer Hochschule aufmerksam angehört und großes Interesse gezeigt.

Ich sehe diese Tätigkeit als eine hervorragende Möglichkeit der Talentgewinnung für Hannover, und sie ist Teil meiner pädagogischen Strategie.

Seit sieben Jahren arbeite ich auch in Krakau und stelle fest, dass immer mehr junge Leute aus der ganzen Welt zum vorsingen kommen wollen.
Auch jene von den polnischen Musikschulen; denn auch deren Lehrer beobachten meine Arbeit und wissen, welche Absolventen meiner Klasse an welchen Opernhäusern Arbeit gefunden haben oder bei welchen Wettbewerben sie erfolgreich waren.

Ich begann die Arbeit in Krakau nur mit vier polnischen tiefen Männerstimmen; und ich bemerkte deren Talent, Fleiß und Zielstrebigkeit von Anfang an.
Zwei von Ihnen bekamen dann nach Abschluss des Studiums Verträge an den Opernhäusern in Paris und München, die zwei anderen blieben im Engagement in Polen.
Dann folgte ein Bassist aus der Ukraine (z.Zt. erster Bass in der Oper in Breslau)

Eine ähnliche Situation erlebe ich nach drei Jahren meiner Arbeit in Hannover. Bereits jetzt weiß ich, welche Studenten für das nächste Studienjahr zu mir kommen wollen - alle kenne ich inzwischen gut und bereite sie auf die Aufnahmeprüfung vor.
Es sind Sänger aus Deutschland, Polen, Georgien, China, der Ukraine und Korea.

Alle bemesse ich nur nach der vollbrachten Leistung, die dann schließlich über Erfolg entscheidet und nie nach deren Herkunft.
Nur die besten und außergewöhnlichen von ihnen können es schaffen..!
Die Agenten und Intendanten legen uns leider strenge Erwartungen vor, denn auch sie sind abhängig vom Markt, vom Publikum und von dem überall von Medien verbreiteten "Schönheitsideal" geworden.

Ich weiß, wie schwer es geworden ist, die besten Studienkandidaten für unsere Hochschule zu gewinnen.

Es ist mir bewusst, welche Reize Berlin und andere Großstädte auf die jungen Leute haben können, aber ich weiß auch aus meiner Studienzeit, dass der Scolar den Maestro sucht - die Größe der Stadt spielt da eine zweitrangige Rolle...
Eher schon die Lebenshaltungskosten in den jeweiligen Städten.

Noch nie hat mich einer der Kandidaten gefragt, warum ich in Krakau oder Hannover unterrichte, und warum nicht in Berlin oder Warschau ...
In den Metropolen findet man die nötige Ruhe zum produktiven Schaffen schwer; danach sehnen sich die Studenten aber oft!
Hannover bietet aber Beides: Stadtleben und die nötige Schaffensruhe. Sie suchen nach einer guten, professionellen Betreuung! - diese ist in Hannover fantastisch!

Die Qualität unserer Hochschule kann man nicht genug preisen, und man soll immer weiter für uns Werbung machen.
Das habe ich vor!

Die Präsenz der HMTM in Polen, den Baltischen Staaten und in anderen osteuropäischen Ländern zu erhöhen, möchte ich auch zu meinem Aufgabenbereich zählen.

Im Unterschied zu den Instrumentalisten, können wir Sänger wesentlich später die musikalische Zukunft ansteuern. Viele lassen sich aber zu viel Zeit und versuchen ihr Studium ohne jegliche Vorbereitung zu beginnen. So war es jedenfalls bei mir nach dem Bergbautechnikum... Es hat damals in Krakau geklappt - heute alleine auf Grund fehlender theoretischer Kenntnisse würde es nicht mehr reichen. Ich unterrichte zur Zeit in Krakau eine sehr begabte armenische Sopranistin, die im ersten Jahr ihre Prüfung nicht bestanden hat, weil sie in der Theorie total versagt hat.

Der enorme Zeitdruck dem auch wir Lehrer ausgesetzt sind und auch die Erwartungen des heutigen Marktes beeinflussen die Ausbildung sehr. Dazu kommt, dass der Deutsche Bundestag in Folge des sogenannten Bologna-Prozesses im Jahre 2008 den Kunsthochschulen empfohlen hat: "stärker als bisher ökonomische Prozesse des Kunst - und Kulturbetriebes in die Ausbildung zu integrieren und dieses Feld nicht nur den Einrichtungen der Fort- und Weiterbildung oder den privaten Betreuungsangeboten zu überlassen" Dieses bedeutet, dass der Kandidat fürs Studium schon vor der Aufnahmeprüfung gute Wissensgrundlagen mitbringen muss und nicht nur auf eigenes Talent setzen kann.

Das Talent bleibt aber ohne Zweifel die wichtigste Voraussetzung!

Ich möchte kurz auf die Bedeutung des Wortes Talent eingehen.
Laut Duden ist Talent eine Begabung, die jemanden zu ungewöhnlichen bzw. überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten, besonders auf künstlerischem Gebiet befähigt. Sehr oft musste ich schon überlegen, wie groß das Talent eines Kandidaten ist und ob es für ein Gesangsstudium ausreicht?! Wichtig ist für mich, die Person, die bei mir studieren möchte, möglichst genau kennenzulernen. Dafür nehme ich mir viel Zeit, denn der erste Eindruck kann sich bestätigen, bestätigt sich aber nicht immer. Ob ich schließlich eine Entscheidung für einen Kandidaten treffe, versuche ich an verschieden Aspekten festzulegen:

1. Aspekt - Die Stimme
Hier versuche ich die

2. Aspekt - die Musikalität
Hinter diesem Begriff steht nicht nur die Fähigkeit, eine musikalische Phrase zu gestalten und mit Ausdruck zu versehen, sondern auch mit Stilsicherheit in der Musik der verschiedenen Epochen den richtigen Ton zu finden. Ich versuche, hier die Breite der Aussagekraft in unterschiedlichen Stilen zu prüfen und die Fähigkeit, sich der Struktur der Kompositionen unterzuordnen und schließlich diese mit Überzeugung vorzutragen. Voraussetzung hierfür ist hohe Empfindsamkeit, Emotionalität und großes Stilgefühl. Eine grundierte ästhetische Prägung sollen sich die Studierenden durch das Vertiefen des Wissens in verschiedenen Fachbereichen während des Studiums aneignen.

3. Aspekt - Sprache
Schon die Kandidaten für ein Bachelor Studium sollen ihre Werke in verschiedenen Sprachen vortragen. Hier lege ich großen Wert auf die korrekte Aussprache der gesungenen Texte und die Fähigkeit, die Fehler zu erkennen und zu beheben... Damit tun sich viele Kandidaten sehr schwer... Die Opern beruhen aber auf Libretti, Liedern auf Gedichte - diese sollen nicht nur in verschiedenen Sprachen gut ausgesprochen werden, sondern auch der Inhalt muss verstanden und richtig interpretiert werden. Nur so kann man der Struktur der Komposition dienen und schließlich mit dem Affekt des Wortes und stimmlichen Klang die Zuschauer erreichen. Dazu kommt die praktische und oft als selbstverständlich empfundene Fähigkeit mehrere Sprachen zu beherrschen.

4. Aspekt - Person und Persönlichkeit
Alle Menschen unterscheiden sich voneinander, nicht nur äußerlich aber auch mental... Im Unterschied zu den Instrumentalisten steckt das Instrument - die Stimme des Sängers in seinem Inneren. Der Korpus ist sein Klangkörper. Manchmal kann man das Stimmfach schon alleine nach dem Äußeren erkennen - meistens stimmt es auch. Das Äußere spielt in der heutigen Zeit leider eine sehr wichtige Rolle. Alleine die Stimme reicht für eine erfolgreiche Karriere nicht aus. Der Kandidat muss eine starke Persönlichkeit und eine musikalische Seele haben - diese bestimmen seine Stimmung und sängerische Identität.

Die Persönlichkeit äußert sich in den individuellen Tönen, diese wiederum machen einen Sänger unverwechselbar. Die Kandidaten müssen auch sehr fleißig sein und die Fähigkeit des schnellen Lernens haben.

Die Person und seine Persönlichkeit in Harmonie zu bringen und während des Studiums weiter zu entwickeln, gehört für mich zu den schwersten, aber auch zu den wichtigsten pädagogischen Aufgaben.

Wenn ich mich für einen Kandidaten entscheide und dieser besteht die Aufnahmeprüfung, wende ich sehr individuell mein pädagogisches Konzept an, welches ich ihnen kurz vorstellen möchte.

Mein Konzept wende ich in den verschiedenen Studiengängen mit unterschiedlichen Schwerpunkten an, und da ich von einer langfristigen Entwicklung des Studierenden ausgehe, versuche ich auch die Geschwindigkeit jedem Einzelnen anzupassen.

Teil 2: Mein pädagogisches Konzept

Mein pädagogisches Konzept beruht auf mehreren wichtigen Aspekten. Zu allererst orientiert es sich an der moralischen Verantwortung dem Studierenden gegenüber, ihm die nötige Zeit, Energie und das ganze Wissen zu geben. Als Pädagogen haben wir die große Aufgabe, Träume und Erwartungen nicht zu enttäuschen, sondern zu versuchen, diese zu erfüllen und den Studierenden als Lehrer, Künstler, als Mensch und als Beispiel zur Seite zu stehen.

Mein Konzept beruht auf drei wesentlichen Säulen der Ausbildung:

  1. den physiologischen Funktionen der Stimmgebung
  2. dem Eingehen auf Psyche und die gegebene Fähigkeiten der Studierenden mit starker Betonung (Fokussierung) auf Individualität und Stimme.
  3. dem Aufbau einer stilistisch sicheren Aussagekraft
  1. Stimmphysiologie und das Erlernen einer sicheren Gesangstechnik

    Um Gesangstechnik, Stilistik sowie Persönlichkeit in dieser kurzen Zeit zum Einklang zu bringen, muss der Lehrer mit großer Aufmerksamkeit auf jeden Studierenden individuell eingehen und einen maßgeschneiderten Plan festlegen - insbesondere für die Studenten des Bachelorstudiums.

    Für alle Studierenden gilt aber:

    • zuerst die Grundlagen der Technik erlernen, dann
    • die Stilistik im geforderten Repertoire einbringen.

    Zu den Grundlagen der Gesangstechnik gehören vor allem:

    • das Atmen
    • Ausgleich der Register
    • Ausgleich der Vokale
    • die bewusst eingesetzte Vibratofunktion
    • Ausgleich der Sprechfunktion mit der Singfunktion

    Das Atmen

    Die Atmung ist die Energiequelle für die Stimmgebung (Phonation). Beim Sprechen oder Singen arbeiten verschiedene Muskelgruppen und Organe zusammen, deren Koordination eine wesentliche Aufgabe darstellt. Sprechen und Singen sind also eine Synthese der Atmung, Stimmgebung und Artikulation. Das gute Atmen beim Singen ist auch von der Körperhaltung abhängig. Diese hat nicht nur großen Einfluss auf den Atemapparat an sich, sondern auch auf Zwerchfell, Kehlkopf, Halsmuskeln, sogar auf die Muskulatur des Gesichtes und die Weite der Nasenhöhlen.

    Beim Einatmen weitet sich durch Einsetzen der Zwerchfellmuskulatur sowie der Zwischenrippenmuskulatur der Brustkorb. Das Zwerchfell wird nach unten gedrückt und die Bauchdecke wölbt sich aus. Die Atmung sollte beim Üben immer durch die Nase erfolgen, die die Luft filtert, befeuchtet und erwärmt. Wenn die Ruhe fehlt und der Sänger gezwungen ist, nach Luft zu schnappen, kann das Einatmen auch mithilfe einer Weitstellung (Gähnen) durch Mund und Rachenraum erfolgen. Diese Art Luft zu nehmen nennen die Italiener mezzorespiro.

    Beim Ausatmen werden durch den Druck unter der Glottis die Stimmbänder auseinander geblasen und in Schwingung versetzt. So kommt es zur Phonation. Das passiert immer dann, wenn der Sänger einen Ton singt. Das Trainieren des langsamen Ausatmens während des Singens sowie der sparsame Umgang mit der Luft sind unverzichtbar.

    Es ist umstritten, welche Bedeutung das Erlernen eines guten Atmens hat. Für mich liegt die Wahrheit in der Mitte. Das Erlernen des "gestützten Tones" ist eine Entwicklung, während der das Anhalten des Ausatmungsprozesses eine tragende Rolle spielt. "Auf dem Atem singen" ist leichter gesagt als getan, wenn die Atemmuskulatur einen Sänger im Stich lässt. Daher hängt der Stimmbildungsprozess sehr von der Körperhaltung und Atemschulung ab. Die Arbeit an einer gut funktionierenden "Atem-Stimm-Kopplung muss allerdings in kleinen Stufen kontinuierlich und parallel zur Stimmfunktionenentwicklung erfolgen." (Pezenburg, Michael: Stimmbildung; Wißner; 2007)

    Ausgleich der Register

    Ich vertrete die Meinung, dass jeder Mensch zwei Register besitzt, Brust- und Kopfregister. Die Ausnahme stellen hierbei die Koloratursoprane dar, die ein zusätzliches Pfeifregister besitzen, das es zu stärken gilt. Das sogenannte Mittelregister bezeichne ich als Mittellage, eine Reihe von Tönen, die sehr bequem in der Nähe der Sprechlage liegen (ausgenommen sehr tief sprechende Bässe oder sehr hoch sprechende Soprane). Diese Töne nehme ich jedoch nicht als eigenes Register wahr.

    Brust- und Kopfregister verbindet eine Reihe von Tönen, die Übergang oder Passaggio genannt wird. Es gilt sie anzugleichen, sodass der Zuhörer keinen Bruch wahrnehmen kann. Von Natur aus ist ein Register stärker als das andere. Das schwächere Register sollte man durch Übungen stärken, sodass beide im Passaggio ineinander verschmelzen. Dies muss immer von oben nach unten "passieren", nie andersherum, denn dann zieht man die Last des Brustregisters hoch, was wiederum zu Schwere und Inflexibilität führt. Dafür muss der Lehrer viel Zeit einplanen. Parallel dazu sollte man an der Vergrößerung des Stimmumfanges arbeiten, und zwar in beide Richtungen. In den meisten Fällen gelingt dies unproblematisch.

    Das Ziel ist also, eine künstlerisch einsatzfähige Sängerstimme auszubilden, die sich durch den gesamten Stimmumfang eines ausgeglichenen Klangkörpers auszeichnet. Diese Ausgeglichenheit betrifft auch die Dynamik, die in allen Bereichen im Piano und auch im Forte beherrscht werden muss. Sehr wichtig ist hier sowohl die Funktion des messa di voce, die bedeutendste Verzierung der Alten Italienischen Meister, als auch die des Belcanto, also das Crescendieren und Decrescendieren langer Noten in allen Lagen. Das leichte Ansetzen des Brustregisters gibt dem Sängerklang Leichtigkeit, das Crescendieren des Kopftones stärkt ihn und verleiht ihm mehr und mehr Kraft. Man stellt dann fest, dass in der Voix mixte mehrere Töne (meistens eine Quarte oder Quinte) so ausgeglichen sind, dass man sie kaum noch voneinander unterscheiden kann.

    Ausgleich der Vokale

    Vokale sind Hauptträger des Stimmklanges. Ihr Ausgleich führt zu einer Steigerung des Stimmvolumens, des Stimmumfanges und sogar zur Verbesserung der Intonation. Die verschiedenen Vokale haben unterschiedliche Charakteristika. Der Vokal "I" besitzt viel Helligkeit und bringt die Stimme in einen Vordersitz, das "U" erzeugt Weichheit, "Kopfigkeit" und Rundung, und das "A" sorgt für die Weite. Diese Charakteristika der Vokale sollten von ihren Stärken etwas an die anderen abgeben, sodass alle Vokale der jeweiligen gesungenen Sprache rund, weich, vorne und möglichst im gleich offenen Rachenraum entstehen können. Hierbei spielen die Funktion der Zunge, die Stellung des Kehlkopfes, der Lippen und des Unterkiefers eine wichtige Rolle.

    In meiner Pädagogik versuche ich den Begriff des "Deckens" nicht zu benutzen, denn oft wird dieser von den Studierenden falsch interpretiert und führt zu Irritationen. Statt dessen benutze ich den Begriff der Modifikation. Die Reinheit und Klarheit der Vokale verbinde ich immer mit der Tonhöhe. Diese entscheidet wie sehr der gesungene Vokal modifiziert wird. Je höher der gesungener Ton liegt, desto mehr suche ich nach dessen Rundung und Weichheit. Kleine Unterschiede gibt es jedoch zwischen den Frauen- und den Männerstimmen. Das, was bei den Damen noch mit gewisser Offenheit (vor allem in der dritten Oktave) funktioniert, wird bei den Herren oft zu Problemen in der Höhe führen. Davon ausgenommen sind nur die sogenannte italienische Tenorstimme und die Stimme des dramatischen Tenors.

    Bewusst eingesetzte Vibrato-Funktion

    Die Vibrato-Funktion der menschlichen Stimme scheint als etwas sehr Natürliches, ist aber ein Phänomen, von dem in Musiktraktaten wenig zu finden ist. In den letzten 150 Jahren können wir eine große Entwicklung der Klangmöglichkeiten feststellen. Es entstanden fantastische Kompositionen und die Lautstärke gewann an Bedeutung. Das alles hatte aber katastrophale Auswirkungen auf die Art zu singen und die Belastung des Stimmorganes. Es starb somit nicht nur der Canto Fiorito, sondern auch der Bel Canto. Ein Sänger wurde immer mehr am "Hohen C" und seiner Stimmkraft bemessen. Die Vibrato-Funktion entgleiste. Jede Note wurde tremoliert, messa di voce geriet in Vergessenheit. Ein möglichst großes und hörbares Vibrato herrschte bis zur Wiedergeburt der Alten Musik. Viele Dirigenten begannen nun nach neuen Klangidealen zu suchen. Die Funktionen terzvibrato, tremolo, vibrato naturale und non vibrato wurden erkannt und wieder offen diskutiert.

    Für mich steht allerdings fest, dass das vibrato naturale sehr wichtig und unverzichtbar ist in der Ausbildung einer gesunden und gut funktionierenden Sängerstimme. Diese leichte, kaum hörbare Schwingung der menschlichen Stimme ist Beweis für ihre Vitalität und Lockerheit. In allen Lagen muss diese Funktion ausgeglichen vorkommen und ist damit gleichzeitig ein Beweis für eine gute Atemtechnik. Sowohl Vibrato als auch Non-Vibrato sind Funktionen, die es zu beherrschen gilt und die in verschiedenen Musikstilen unterschiedlich eingesetzt werden.

    Der Unterschied zwischen der polyphonen Musik des 15. Jahrhunderts, einer virtuosen Arie des 18. Jahrhunderts, einer Bel Canto Arie oder einer Opernarie des Verismus ist sehr groß und soll doch von den Studierenden der heutigen Zeit unterschieden und stilistisch sicher beherrscht werden. Das hat in großem Maße auch mit der gelernten Vibrato-Funktion zu tun.

    Ausgleich der Sprechfunktion mit der Singfunktion

    Neben den wohl produzierten Klängen ist eine gut ausgebildete Sprechfunktion das zweitwichtigste Element eines jeden klassischen Sängers. Sprache ermöglicht uns, klare Aussagen zu formulieren, die wiederum mit Hilfe von gut ausgesprochenen Wörtern den Zustand der Person oder der Situation erläutern. Im täglichen Leben, aber auch auf der Bühne, stellt sie den Großteil der Kommunikation dar. Und im Unterschied zur Sprache des Körpers (z.B. Pantomime Theater ) gibt sie uns die Möglichkeit, viele Informationen in kürzester Zeit zu verbreiten. Nur mit ihrer Hilfe sind die Kunstsänger im Stande, Dialoge zu führen und sich in die Dramaturgie der gesungenen Texte zu vertiefen. Es reicht gar nicht, wenn die Studierenden gut die Texte vortragen, sie sollen sich auch gründlich deren Bedeutung bewusst sein. Erst dann wird aus einem guten Sänger ein wahrer Darsteller. Darum soll jede gesungene Sprache verstanden und an deren Aussprache gefeilt werden. Es wird im heutigen Theaterwesen erwartet, dass die jungen Sänger mehrere Fremdsprachen beherrschen und die auf der Bühne gesungenen Sprachen perfekt aussprechen. Diese Erwartungen haben mir schon des öfteren gezeigt, dass nicht nur die gut ausgebildete Stimme, sondern auch freier und lockerer Umgang mit der gerade angeforderten Sprache die Vorraussetzung einer guten Kariere ist. Die Bühnensprache soll also immer gut zu verstehen sein, aber nur so lange es die Lage der gesungenen Werke zulässt. Denn zu deutlich geformte Sprache, vor allem im Passaggio und in der Höhe, kann zur Verengung der Ansatzräume führen, aber auch erheblichen Einfluss auf den Klang der Stimme (Timbre) haben. Daher versuche ich, bei den Studierenden eine bühnentaugliche Sprache zu entwickeln, die mit den klar ausgesprochenen Vokalen eine Symbiose darstellt. Die Tonhöhe und deren Einfluss auf die Form des Vokals spielt dabei immer eine entscheidende Rolle.

  2. Individualität eines Sängers und deren Bedeutung

    Die menschliche Stimme ist Teil eines jeden Menschen und das beste Instrumentarium, um Emotionen und Gefühle zum Ausdruck zu bringen. So wie es unterschiedliche Menschentypen wie Sanguiniker, Choleriker oder Melancholiker gibt, so gibt es entsprechend unterschiedliche Stimmarten. Wir haben helle, dunkle, kräftige, schwache, warme oder kühlere Stimmen, die fast immer zu den Persönlichkeiten ihrer Besitzer passen. Man sagt, dass nur glückliche Kinder singen. Ich glaube, das stimmt. Die Stimme ist ein Lautsprecher der Seele. Diese wiederum ist Teil aus vielen kleineren Besonderheiten der bestehenden Persönlichkeit. Um erfolgreich mit den Studierenden arbeiten zu können, sollte der Lehrer nicht nur auf die Stimme acht geben, sondern auch die Persönlichkeit beobachten und beide in Einklang bringen. Ein Konflikt von Stimme und Persönlichkeit führt zu Misserfolg.

  3. Aufbau der stilistischen Aussagekraft

    Nachdem die Studierenden gelernt haben, mit der Stimme umzugehen und die Grundlagen der Gesangstechnik beherrschen, sollte der Lehrer nun mehr auf die stilistische Perfektion achten. Gut ausgeführte Verzierungen, eine breite Palette der Dynamik und Klangfarben, sichere Artikulation und gekonntes Einsetzen der Vibrato-Funktion stellen für mich den Unterschied zwischen einem guten und einem professionellen Sänger dar.

    Ich versuche, ein möglichst breites Spektrum im Verlauf des Studiums abzudecken - natürlich nach den Möglichkeiten des jeweiligen Studenten. Wenn man nicht viel ausprobiert, wird man auch nicht erfahren, welche die größten Stärken eines Sängers sind. Die Biegsamkeit einer Stimme und deren Farbe wird auch Einfluss auf eine eventuelle Spezialisierung haben. Gut ausgeführter Triller, sinnvolle Kadenzen und im Stil der Arien gesungene Verzierungen sollten in der gesungenen Musik zu finden sein.

    Dies alles betrachte ich als sehr wichtig, wird aber nicht zum erwünschten Erfolg führen, sofern die Stimme unausgeglichen, unedel, scharf, im begrenzten Umfang oder mit schwacher Intonation erklingt.

Resümee

In der beschriebenen Darstellung meines Konzeptes über die Ausbildung der Gesangsstudentinnen und Gesangsstudenten ist mir die Reihenfolge der genannten Schritte besonders wichtig.

Wenn ich schon während des Studium feststelle, dass der Student die Bühnenreife erreicht hat, stelle ich ihn einer der mir bekannten Agenten vor. Meistens ist es eine Agentur aus München. Die Agenten vertrauen auf mein Qualitätsurteil, schätzen die vertrauensvolle Zusammenarbeit und erleichtern gleichzeitig meinen Studenten den Zugang zu den Opernhäusern und zu den Konzertveranstaltern.

Durch meine langjährige und solide pädagogische Arbeit gelang es mir, viele sehr gute Sänger auszubilden. Und ich erarbeite mir die Möglichkeit einer guten Zusammenarbeit mit den talentiertesten jungen Leuten, die ich an namhafte Opernhäuser und Konzertsäle geführt habe.

Die Arbeit an den Details der Gesangstechnik, an der sicheren Stilistik und die Suche nach der fachgerechten Literatur ist mir immer wieder eine große Freude und spornt mich an, mich weiter zu bilden und das eigene Wissen zu vertiefen.

Marek Rzepka